Afrikabilder: Glosse
Milla, Miller, Kamerun!
Artikel aus dem Heft 1/2009


Milla, Albert Roger, Kamerun: 1990 bei der Weltmeisterschaft in Italien mischt ein 38-Jähriger die Fußball-Weltmeisterschaft auf, ein Schwarzafrikaner erobert mit Haken und vier Toren die Herzen der Fans, seinen Namen kennt auch in Deutschland bald fast jedes Schulkind.

Von Heinz-Peter Tjaden


milla








©
Dani Alonso/flickr.com


Viele Reporter sind ratlos, stöbern in Archiven, bilden Legenden, erzählen, dieser Mann sei vom Staatspräsidenten von einer Insel geholt und in ein Flugzeug gesetzt worden. Kurz nach der Landung habe er nach langer Spielpause wieder die Fußballschuhe geschnürt. Und nun das. Milla schlägt fast im Alleinspiel Rumänien. Auch gegen Kolumbien beult sich das Netz, wenn der 38-Jährige die Pille lange genug am Fuß geführt hat. Dann zieht er einfach ab.
Typisch!
Doch: Die „unzähmbaren Löwen“, so der Spitzname der Nationalelf von Kamerun, müssen in die Verlängerung. Und nun braucht Milla ein Sauerstoffzelt? Braucht er nicht. Er läuft immer weiter. Typisch Afrikaner, sagt so mancher Fan. Und: Habe gehört, der heißt gar nicht Milla. Miller heißt er. Ein Standesbeamter hat sich verschrieben. Und vielleicht: Ist er sogar noch älter als 38. Auch typisch Afrika.
Nicht ganz: Auch beim Namen meiner Mutter hat sich 1929 ein Standesbeamter verschrieben. Das fällt über 30 Jahre niemandem auf. Bis meine Mutter bei einer Behörde ihre Geburtsurkunde vorlegt. Meine Mutter heißt gar nicht Christine, sie heißt Christiene. Dieses „e“ führt vorübergehend zu ihrem Behörden-Tod. Alle Papiere muss sie neu beantragen, bis sie von den Behörden-Toten wieder auferstanden ist. Typisch Deutschland?
Im Viertelfinale verschwinden Kamerun und somit auch Milla wieder in der Versenkung. Sie fliegen aus dem Turnier und nach Hause. Vier Jahre später kehren die „unzähmbaren Löwen“ zurück, in den USA schießt Milla noch ein Tor. Mit 42 Jahren bei einer Fußballweltmeisterschaft als Torschütze: Das hat noch keiner geschafft, das wird wohl niemand mehr schaffen.
Ein Schwarzafrikaner ist in die Fußballgeschichte eingegangen, dort wird er vergessen – wie ein ganzer Kontinent. „Alle sechs Sekunden stirbt ein Kind – und nun die Lottozahlen.“ „Vor der Küste von … sind … Boatpeople ertrunken. Morgen ist mit Regen zu rechnen, vergessen Sie Ihren Regenschirm nicht.“


Gerald Asamoah aus Ghana
...oder die Frage: Und wenn ein Schwarzafrikaner in der deutschen Nationalelf spielt, weil er ab dem 12. Lebensjahr in Hannover gelebt hat? Wenn dieser Affe für uns spielt, sagt 2006 ein Kiosk-Besitzer, schaue ich mir die Weltmeisterschaft nicht an. Seine Kunden nicken.
Würden sie diesem Spieler in irgendeiner Fußgängerzone begegnen, ließen sie sich möglicherweise von ihm ein Autogramm geben. Schließlich sind wir doch so tolerant – wie in jenem Dorf bei Hannover bei einem Fußballturnier. Ein Schwarzer steht im Tor, am Spielfeldrand steht ein Landwirt. Der schreit: „Hau ab in deine Heimat.“ Der Torwart bittet den Schiedsrichter um eine Spielunterbrechung. Wird genehmigt. Der Schwarze überragt den Landwirt um zwei Köpfe und steht nun direkt vor ihm. „Hören Sie mir bitte einmal ganz aufmerksam zu“, sagt dieser Torwart, der allen Grund hätte, stinksauer zu sein. „Ich studiere an der Universität in Hannover Medizin. Es ist also möglich, dass ich eines Tages Ihnen das Leben retten muss. Und wissen Sie was?“ Der Landwirt sinkt noch weiter in sich zusammen. „Ich“, sagt der Schwarze, bevor er ins Tor zurückkehrt, „würde Ihnen das Leben retten!“
Auch das noch: immer freundlich. Diese Afrikaner.


Heinz-Peter Tjaden
ist Redakteur und Autor.


Siehe auch nachfolgende Pressemitteilung:
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