Interview mit Prof. Phillip Tobias
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Copyright: Marit Arnold


"Die Vergangenheit ist der Schlüssel zur Zukunft"
Ein Interview mit dem südafrikanischen Paläoanthropologen Professor Phillip Tobias von der University of the Witwatersrand in Johannesburg


Professor Phillip Tobias ist ein „Urgestein" der University of the Witwatersrand in Johannesburg und widmet ihr und der Forschung sein ganzes Leben. Der heute fast 86-jährige Paläoanthropologe ist einer der weltweit führenden Experten für menschliche Evolution. Im Laufe seines Lebens bereiste er sämtliche Kontinente, immer im Dienste der Wissenschaft. Als er vor 68 Jahren seine Arbeit an der Universität aufnahm, war Raymond Dart sein Vorgesetzter, der ihm schnell zum Mentor, Freund und Lehrer wurde. Später übernahm Tobias dessen Nachfolge und wirkte als Professor für Anatomie bis zu seinem Ruhestand. Das ist jetzt fast 20 Jahre her, aber noch immer ist Tobias in der Universität aktiv, diskutiert mit Studenten und steht ihnen mit Rat und Tat zur Seite. In einem Interview mit der afrikapost­ spricht er über Erkenntnisse und Entwicklungen.

Interview: Marit Arnold, Jürgen Langen



Wie wurde ihr Interesse für die Physische Anthropologie geweckt?

Mein Interesse entstand eher zufällig, als meine Schwester an Diabetes erkrankte und im Alter von 21 Jahren starb. Ich wusste, dass meine Oma mütterlicherseits ebenfalls an den Folgen des Diabetes gestorben war und ich, ein 15-Jähriger, fragte daraufhin die Ärzte, wie es sein könne, dass die Krankheit von meiner Oma über meine Mutter auf meine Schwester übertragen worden war, ohne dass meine Mutter selbst erkrankte. Es gebe niemanden, der es mir erklären könne, erhielt ich als Antwort, und in diesem Moment war mir klar, dass ich der Erste sein wollte – was ich dann auch wurde. Das ist mein ganz persönlicher Grund, warum ich mein Leben der Genetik gewidmet habe. Ich versuche mit Hilfe verschiedener Techniken etwas über den genetischen Hintergrund des jeweiligen Fossils zu lernen, es nicht nur als Knochenstück anzusehen, das man vermessen oder unter dem Mikroskop betrachten kann. 


Welche Weiterentwicklungen und Veränderungen hat es seit Beginn Ihres Studiums vor 60 Jahren gegeben?

Die Möglichkeit Knochen zu datieren erlaubt es uns, die anatomischen Unterschiede als Veränderungen zu interpretieren. Daraus ergeben sich allerdings neue Fragen: Woher wissen wir, dass die Veränderung nicht nur kurzzeitig war, sondern weitervererbt wurde? Zum Beispiel im Fall von Homo habilis, dessen Gehirn doppelt so groß war wie das von „Mrs. Ples“, dem Australopithecus africanus: Lag diese Vergrößerung lediglich an der gesunden ausgewogenen Ernährung seiner Generation oder war sie beständig? Wichtig ist auch der Kontext, in dem diese Veränderung stattfand: Die Zeit, in der Homo habilis lebte, war geprägt von klimatischen und tektonischen Veränderungen; das Great Rift Valley entstand. Um zu überleben, waren Anpassungen, wie die Vergrößerung des Gehirns, notwendig.


Wie begeistern Sie ihre Studenten für ein Studium der Physischen Anthropologie?

Es ist eine Besonderheit, dass es hier, nur 50 Kilometer von Johannesburg entfernt, einen Platz wie Sterkfontein gibt. Von dort bezieht die Universität einen Großteil ihrer „Dart-Sammlung“, die unter anderem auch den „Schädel von Taung“ beinhaltet, der dem Institut weltweiten Ruhm einbrachte. Davon sollten auch meine Studenten profitieren, und so verbrachten wir jedes Jahr etwas Zeit in Sterkfontein und dem umliegenden Gelände. Ich habe ihnen immer gesagt: „Lest nicht nur in euren Büchern, studiert nicht nur die Fossilien, sondern schaut euch auch die Umgebung des Fundortes an.“ Diese Exkursionen waren mein kleiner Beitrag, um den Studenten zu helfen, ihren anthropologischen Horizont zu erweitern.


Aus der Vergangenheit kann man lernen. Ist es für einen Wissenschaftler auch möglich, etwas über die Zukunft zu erfahren?

Ich glaube, dass die Vergangenheit der Schlüssel zur Zukunft ist. Dank unserer Sammlung von über 600 Fossilien, der weltweit größten Sammlung originaler Hominiden, können wir uns ein besseres Bild von der Vergangenheit machen. Ausgehend von diesem Wissen sollte es möglich sein, die aktuellen Trends der menschlichen Evolution zu bestimmen, und wenn man diese hochrechnet, ist man in der Lage Prognosen für die Zukunft abzugeben. Was wir aus den bisherigen Erkenntnissen der menschlichen Entwicklung schließen können ist, dass die Entwicklung tendenziell voran und nicht zurück geht.
Ich bin einer von denen, die glauben, dass die Probleme, die während der menschlichen Evolution aufgetreten sind, von Menschen verursacht wurden und nicht biologischer Natur sind. Ein Beispiel: Städte dominieren mehr und mehr unser Leben. Die Überbevölkerung in den Städten bringt Konsequenzen unterschiedlichster Art mit sich. Menschen werden psychologisch in Mitleidenschaft gezogen von den Belastungen, dem Druck anderer Menschen. Vorfälle wie Mord, sexuelle Belästigungen und Kriminalität im Allgemeinen häufen sich. Es geht darum, was Menschen sich unter solchen Bedingungen untereinander antun. Es ist eine beachtliche und besorgniserregende Herausforderung für die Zukunft der Menschheit, die Städte, die momentan mehr und mehr von Autos und Technologie beherrscht werden, wieder an die Menschen zurückzugeben. Ich führe in der Diskussion mit Ingenieuren immer wieder an, dass sie ihre Stadtplanung überdenken und den Menschen wieder ins Zentrum ihrer Überlegungen rücken lassen sollten, anstatt ihn nur als „austauschbares Gut“ zu betrachten. Ich bin davon überzeugt, dass es auch für diese Probleme eine Lösung geben wird.
Die genetischen Veränderungen wiederum, die wir in der biologischen Evolution finden, sind nicht direkt durch die Städte oder die Überbevölkerung verursacht, aber sie begünstigen – um mit den Worten Charles Darwins und seiner Zeitgenossen zu sprechen – die natürliche Selektion. Denn die jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Hintergründe beeinflussen die biologischen Prozesse. Sie sind also weniger der Grund für neue Mutationen, sondern vielmehr deren Begünstigung.


Sie haben schon lange ein großes Interesse an den Khoisan. Warum?

1951 wollte Raymond Dart, dass ich an einer dreimonatigen französischen Expedition in die Kalahari-Wüste teilnehme. Die Expedition war mein Eintritt in das Studium der Buschmänner, der San, mit ihren besonderen Merkmalen: geringe Größe, wenig Körperhaare, kleine Gesichter usw. Ich habe versucht, solche äußerlichen Besonderheiten mit den Genen in Verbindung zu bringen. Haben sie alle diese Merkmale wegen ihrer Lebensweise und der Umgebung, in der sie als Jäger und Sammler leben, oder sind sie genetisch bedingt? Und so suchte ich nach Beweisen für meine Hypothese über die genetischen Grundlagen des Menschen und wie diese sich in der Vergangenheit verändert haben könnten.


Im südlichen wie im östlichen Afrika hat es wichtige fossile Funde gegeben, aber nur Südafrika gilt laut UNESCO als die „Wiege der Menschheit“. Gibt es daher eine Konkurrenz zwischen den Ländern oder existiert eine kooperative Zusammenarbeit?

Die UNESCO wollte in den 1990er Jahren das südliche Afrika in ihrer Liste repräsentiert sehen, und Südafrika war zu dieser Zeit hinsichtlich Forschung und Fundorten am weitesten entwickelt. Also bewarben wir uns mit drei Stätten: Robben Island, dem iSimangaliso Wetland-Nationalpark und Sterkfontein. Aus Werbezwecken wählte die Provinzregierung für Sterkfontein und die umliegenden Fundstätten den Namen „Wiege der Menschheit“. Es war keine wissenschaftliche, sondern eine politische Entscheidung. Ich selbst benutze diesen Ausdruck aber nicht.
Auf wissenschaftlicher Ebene kooperierten wir sehr viel miteinander. Louis und Mary Leakey luden mich 1959 erstmals ein, um einen Schädel zu beschreiben, den Mary in der Oldivai-Schlucht im Norden Tansanias gefunden hatte. Kenia und Tansania unterhielten damals allerdings keine diplomatischen Beziehungen zu Südafrika. Aber in diesem Fall war die tansanische Regierung unter Julius Nyerere bereit, über die politischen Umstände hinwegzusehen und mir die Untersuchung des Schädels zu erlauben. „Dear Boy“, wie Mary Leakey ihren Fund nannte, lag fünf Jahre hier auf meinem Schreibtisch. Ich war immer noch Leiter der Anatomischen Fakultät, aber wann immer ich ein Telegramm aus Ostafrika erhielt, in dem stand „Komm schnell, wir haben etwas gefunden!“, machte ich mich auf den Weg nach Ostafrika. So wurde ich Teil der ostafrikanischen Familie.


Wie würden Sie Raymond Dart und Robert Broom beschreiben?

Sie waren meine Mentoren und beide sehr bemerkenswerte Männer.
Der Einfluss und die Gesellschaft von Raymond Dart in den Anfangsjahren meiner Karriere haben mich beim Studium der menschlichen Evolution angespornt. Viele meinen, dass Darts Beitrag zur Wissenschaft weniger in seinen Forschungen bestand, sondern vielmehr darin, Menschen für dieses Thema zu begeistern.
Robert Broom war ein überragender Wissenschaftler, möglicherweise besser noch als Raymond Dart. Er war äußerst vielseitig gebildet und hatte Kenntnisse in den verschiedensten Gebieten. Und er hatte einen fabelhaften Humor.
Beide waren extravagante Charaktere, keine einfachen Persönlichkeiten. Es war ein Privileg für mich, sowohl mit ihnen als auch mit den Leakeys arbeiten zu dürfen. 


Wie stehen Sie zu der aktuellen Diskussion, ob Menschenaffen ähnliche Rechte wie Menschen zugesprochen werden sollten?

Viele Tierschutzorganisationen fordern Richtlinien, die die Rechte aller lebenden Kreaturen festlegen. Einen solchen Kodex, der alle Kreaturen einschließt, haben wir bis jetzt allerdings noch nicht hinreichend entwickelt. Daher tendieren wir dazu, unsere ethischen Prinzipien auf die Tiere anzuwenden, die uns am ähnlichsten sind, die Affen. Aber Tieren die gleichen Rechte zuzusprechen wie Menschen ist schwierig, denn man will andererseits nicht, dass die Tierforschung versiegt, die ja gleichzeitig auch eine Art Sorge um die Tierwelt darstellt. Ich denke, das ist der Kern der Sache: Die Fürsorge für andere Kreaturen und der rücksichtsvolle Umgang mit den Rechten und Gefühlen anderer Wesen sollte die Grundlage unseres eigenen Verhaltens sein.




Lesetipp:

Phillip V. Tobias
Into the Past. A Memoir
Picador Africa und Wits University Press, 2005
277 Seiten
23,99 Euro (amazon)
ISBN: 978-1770100152