Reportage
Das Bagdad Afrikas
Artikel aus dem Heft 2/2009


Mogadischu gilt als gefährlichste Stadt der Welt. Selbst Helfer müssen ihr Engagement immer öfter mit dem Leben bezahlen.

Von Marc Engelhardt


Das beliebteste Hotel in Mogadischu heißt Dalsan: Es liegt gleich neben der amerikanischen Botschaft und hat sieben saubere, luftige Zimmer ohne Küchenschaben. Die nette Besitzerin, Alina Bus-Bus, spricht fließend englisch und serviert in ihrem Restaurant Tee, Kaffee und sehr leckere, günstige Roastbeef-Sandwiches. So bewirbt der Lonely Planet-Reiseführer Afrika „eine der wohl schönsten und lebendigsten Städte Ostafrikas“ in seiner Ausgabe von 1986.
Gut zwanzig Jahre später machte ich mich bei meinem ersten Besuch in Mogadischu auf die Suche nach Frau Bus-Bus. Da war die amerikanische Botschaft längst bis auf die Grundmauern zerbombt und niedergebrannt, ebenso wie die zwei Blocks entfernte Kathedrale, die die Italiener während der Kolonialzeit im durchweg muslimischen Mogadischu gebaut hatten. Straßen waren unter Schutt verschwunden, und dort, wo einst das Dalsan-Hotel gewesen sein mag, hatten Flüchtlinge vom Land ihre löchrigen Zelte in den brüchigen Betonruinen aufgeschlagen. Von Frau Bus-Bus hatte hier nie jemand etwas gehört, selbst Mogadischus Vergangenheit als weit über die Grenzen hinaus bekannte Handels- und Universitätsstadt kannten die meisten nur vom Hörensagen. Nach mehr als 15 Jahren Bürgerkrieg waren die Bewohner schon mehrmals aus der Stadt und wieder zurück geflohen, je nachdem, wo gerade Kämpfe tobten oder wo Hungersnot herrschte.


Im festen Griff der Anarchie
Inzwischen ist es 18 Jahre her, dass Somalias Diktator Siad Barre aus Mogadischu geflohen ist. Mit seiner Flucht begannen die Regierungslosigkeit und der bewaffnete Kampf um die Macht, der Somalia bis heute im Griff hat. An einem einzigen Wochenende Mitte Mai kamen mehr als 50 Menschen ums Leben, als sich Truppen der weitgehend machtlosen Übergangsregierung – die fünfzehnte seid Barres Flucht – und islamistische Untergrundkämpfer Gefechte im Norden Mogadischus lieferten. Alleine vierzehn starben, als die radikale Al-Shabaab-Miliz eine Moschee mit Mörsergranaten beschoss. Nach achtzehn Jahren Anarchie gibt es in der Stadt kein einziges Gebäude mehr, das nicht mit Einschusslöchern übersät ist. Die Straßen sind von Bombenkratern zerpflügt, und der Bakara-Markt, kommerzielles Zentrum der Stadt, wird mindestens einmal die Woche fluchtartig geräumt, weil sich verfeindete Gruppen gegenseitig beschießen. Wer überhaupt noch in Mogadischu ausharrt, gehört zu den kämpfenden Parteien oder schützt seinen Besitz.


Angst vor einem zweiten „Black Hawk Down“
Selbst wenn die Waffen schweigen, liegt deshalb über Mogadischu der Schleier einer Geisterstadt. Straßen und Häuser sind leer, mehr als die Hälfte der eine Million Bewohner lebt in notdürftigen Auffanglagern am Rande der somalischen Hauptstadt. Schon seit Jahren haben Beobachter den Eindruck, es könne in Mogadischu, der gefährlichsten Stadt der Welt, gar nicht mehr schlimmer werden. „Aber es wird schlimmer und schlimmer“, sagt Sophia Hussein, die mit ihren Kindern in einem Flüchtlingscamp in Afgooye lebt, gut dreißig Kilometer von Mogadischu entfernt. „Als die Äthiopier hier waren, war es am schlimmsten.“
Inzwischen sind die äthiopischen Truppen, die auch bei friedliebenden Somalis als Besatzer verfemt waren, abgezogen. Seitdem beschießt die Shabaab Unterstüzer der Regierung von Sharif Sheikh Ahmed, einst selbst ein Islamistenführer, und die gut 4.000 Soldaten, die im Auftrag der Afrikanischen Union (AU) Frieden in Mogadischu schaffen sollen. Doch viel mehr als den Hafen und den Flughafen haben sie bislang nicht unter ihrer Kontrolle. „Wir bräuchten fünf Mal so viele Soldaten, um alleine die Hauptstadt zu kontrollieren“, sagt der AU-Sonderbeauftragte für Somalia, Nicolas Bwakira.
Doch in eine Stadt mit dem Ruf Mogadischus will niemand Truppen entsenden: Ghana, Nigeria und andere afrikanische Nationen, die ursprünglich Soldaten zugesagt haben, sträuben sich. Selbst die fast 200 Millionen Euro, die Geberländer im April für mehr Sicherheit in Somalia zugesagt haben, können an dieser Angst nichts ändern. Westliche Staaten haben immer noch die im Spielfilm „Black Hawk Down“ verewigten Szenen von 1993 vor Augen, als tote US-Soldaten hinter Geländewagen durch den Staub von Mogadischu gezogen wurden. So etwas will keine ausländische Regierung verantworten. Und so wirbt auch Bwakira für die Ausbildung von 10.000 somalischen Soldaten und einigen tausend Polizisten, die im eigenen Land für Ordnung sorgen sollen. Alleine wie man diese Truppen dazu bringen will, der Regierung gegenüber loyal zu bleiben, ist ungeklärt.


Die Kalaschnikows regieren
Denn Waffengewalt und damit Macht ist etwas, das man sich in Mogadischu seit Jahrzehnten schon kaufen muss. Die von Schutt übersäten Straßen und Viertel werden von den Chefs mächtiger Clans regiert, die sich Privatarmeen leisten. Die treiben Geld ein und sorgen dafür, dass das Geschäft reibungslos läuft. „Selbst die Stromrechnungen werden von schwer bewaffneten Kämpfern eingetrieben“, seufzt Mohamed Nur Afrah, der am Rand von Mogadischu für die somalische Hilfsorganisation Daryeel Bulsho Guud (DBG) arbeitet.
Ohne Staat gibt es in Somalia natürlich auch keine staatliche Energieversorgung. Mehrere Geschäftsleute betreiben in Absprache mit den Clanchefs deshalb eigene private Netze. Beim Kassieren der fälligen Beträge machen sie im Zweifelsfall kurzen Prozess. Die dafür nötigen Waffen sind in Mogadischu gängige Handelsware: Zwischen 10 und 50 US$ kostet eine Kalaschnikow, der Preis wird in der Stadt als Indikator für Konflikte mit Argusaugen beobachtet. Steigt er, plant eine bewaffnete Gruppe womöglich eine Offensive – ein Warnzeichen für die Bevölkerung, sich mit Konserven und haltbaren Lebensmitteln einzudecken. Denn wenn in den Sraßen geschossen wird, kann man sein Haus oft tagelang nicht verlassen.


Die Dubai-Connection
Pick-ups sind auch deshalb die beliebtesten Fahrzeuge in Mogadischu, weil auf der Ladefläche die mit Maschinengewehren bewaffneten Soldaten sitzen. An den Straßensperren, die nur unter der Herrschaft der Islamischen Gerichtshöfe kurzzeitig verschwunden waren, ist neben Clanzugehörigkeit entscheidend, wer die meisten Gewehre aufzubieten hat. Nur der Stärkere darf passieren.
Darüberhinaus ist Geld alles, was zwischen den Ruinen von Mogadischu wirklich zählt. Im „Bagdad Afrikas“, wie ein Arzt die Stadt nennt, gibt es erstaunlicherweise alles, wovon das restliche Afrika nur träumen kann. Auf den Straßen sind modernste Geländewagen unterwegs, importiert aus Dubai. Auf den meisten Kennzeichen prangt noch der Schriftzug: Vereinigte Arabische Emirate.
Dubai ist meist zweiter Wohnsitz der somalischen „Businessmen“, der Geschäftsleute, die alles arrangieren können, wenn der Preis stimmt. Weil das gesetzlose Somalia spätestens seit dem Abzug der UN Anfang der 90er Jahre international geächtet ist, laufen finanzielle und sonstige Transaktionen über die Finanzmetropole im nahen Emirat. Wer es sich leisten kann, bekommt über diverse Handynetze glasklare und günstige Telefonverbindungen in alle Welt. Emails werden in DSL-Geschwindigkeit abgerufen.


Hilfe unerwünscht
Wer helfen will und das womöglich noch umsonst, ist deshalb nicht gerne gesehen. Mohamed Nur Afrah arbeitet seit Jahren für Daryeel Bulsho Guud, was in etwa „Bürgerhilfe für alle“ bedeutet. Ihr Geld stammt zum überwiegenden Teil von Diakonie Katastrophenhilfe und Brot für die Welt. Nur Afrah erinnert sich gut an den ersten, erfolglosen Versuch, die Wasserversorgung Mogadischus in Stand zu setzen. Vor dem Zusammenbruch des Staates in den 80er Jahren wurde die Hauptstadt aus zehn Tiefbrunnen im Norden versorgt. Mehr als 50 Kilometer weit wurde das Wasser nach Mogadischu geleitet, weil das Grundwasser unter der Stadt nur von minderer Qualität ist. „1997 sind wir hingegangen und haben die Tiefbrunnen wieder in Schuss gebracht. Dann haben wir die Leitungen repariert, den ganzen Weg von Afgooye bis Mogadischu.“ Von der deutschen Firma, die ursprünglich am Bau der Brunnen beteiligt war, hatte DBG die benötigten Konstruktionsskizzen erhalten. Auch die Bundesregierung bezuschusste das Projekt. Umsonst. „Als wir die Wasserrohre, die durch Mogadischu führen, reparieren wollten, haben die Clans uns gestoppt.“ Der Gewinn, den die Helfer in Aussicht stellten, war zu gering. Die Bauarbeiten wurden eingestellt. Bis heute herrscht Wasserknappheit in Mogadischu, was dafür sorgt, dass der Preis für Wasser hoch bleibt.
Der alte MMK
Inzwischen sind selbst die Mitarbeiter von DBG, deren wichtigste Philosophie es ist, neutral zu bleiben, in Mogadischu nicht mehr sicher. Als ich 2005 Mohamoud Mohammed Kheire, genannt MMK, kennenlernte, wurde er mir bei DBG als jemand vorgestellt, der sich in Mogadischu einen Ruf als Chefvermittler erworben hatte, weil er zahlreiche Konflikte zwischen verfeindeten Clans gelöst hatte. „MMK ist mittenrein gefahren nach Hobyo, wo zwei Gruppen aufeinander schossen, und hat solange mit beiden Seiten gesprochen, bis er die Verwundeten rausfahren konnte“, erinnert sich Abukar Sheikh Ali, sein engster Kollege. Ein Draufgänger war MMK nicht: Alle seine Vermittlungsmissionen waren wohl vorbereitet, er kannte jeden. „Niemand bei uns wusste so gut über die aktuelle Situation Bescheid wie MMK“, sagt Sharifa, seine Mitarbeiterin. In Mogadischu können sichere Gegenden binnen Minuten zu Kampfzonen werden. „Er wusste das immer rechtzeitig“, weiß auch Helmut Hess, MMKs langjähriger Ansprechpartner in der Zentrale der Diakonie Katastrophenhilfe. „Und er hat brilliante Analysen erstellt, die er täglich nach Deutschland gemailt hat“, Dass er sich mit seinen oft scharfzüngigen Einschätzungen Feinde machen könnte, hielt MMK für unmöglich. „Ich bin ein alter Mann, niemand wird mir etwas tun“, sagte er immer wieder. Und doch wurde er im Juli 2008 auf offener Straße erschossen, als er wieder einmal in einem Konflikt vermitteln wollte. Im Mogadischu von heute, so scheint es, ist kein Platz für Vermittler. „Er selbst wollte dennoch nie aus Somalia fliehen“, so Abukar Sheikh Ali. „Selbst als es immer schlimmer wurde, hat er gesagt: Ich bin sicher hier bei meinen Leuten.“ Es war die eine Analyse, mit der er falsch liegen sollte.


Mehr Notleidende, weniger Helfer
Generell sind Helfer immer häufiger die Opfer von Entführungen krimineller Banden, die Lösegelder verlangen, oder von islamitischen Untergrundkämpfern, die mit Hinrichtungen Exempel statuieren wollen. Ausländer arbeiten schon lange nicht mehr in Mogadischu, aber auch Somalis wollen deshalb kaum noch helfen. Im Medina-Hospital, einem der beiden funktionierenden Krankenhäuser der Stadt, arbeiten selten mehr als zwei Ärzte und eine Krankenschwester. Wenn gekämpft wird und ein verletztes Opfer nach dem anderen zum Krankenhaus gebracht wird, müssen die wenigen Mediziner 24-Stunden-Schichten einlegen. Es gibt niemanden, der bereit ist, zu ihrer Hilfe nach Mogadischu zurückzukehren. „Dabei braucht Mogadischu mehr Hilfe als seit Jahren“, weiß Dawn Blalock von der humanitären Koordinationsstelle der UN für Somalia. Von 2008 bis 2009 ist der Gesamtbedarf an Hilfen von 600 auf über 900 Millionen US$ gestiegen. „Das liegt vor allem daran, dass es immer mehr Hilfsbedürftige in den Städten gibt“, so Blalock. „Bislang haben wir vor allem Hungersnöte auf dem Land bekämpft, aber wegen der rapide gestiegenen Inflation und dem weiteren Verfall der Sicherheitslage gibt es jetzt auch in Mogadischu immer mehr Hungernde und Notleidende.“


Schießen statt Lesen und Schreiben
Perspektiven für eine bessere Zukunft gibt es kaum. In einem Land ohne Staat gibt es auch keine staatliche Ausbildung. Maximal 15% der somalischen Kinder, so schätzen die UN, besuchen eine Schule. In Mogadischu eröffneten Eltern 1994 die Umul-kura, in der zeitweise 3.000 Kinder unterrichtet werden – zuvor hatte es in der Hauptstadt jahrelang keine einzige Schule gegeben. Vor seinem Sturz hatte Diktator Siad Barre bereits die meisten Schulen geschlossen, um Geld in die Armee zu stecken. Der Rest machte zu, als der Staat in sich zusammenbrach. In vielen Stadtvierteln haben Kinder seit Jahrzehnten keinen Unterricht mehr bekommen. In den Flüchtlingslagern, wo Helfer verzweifelt versuchen, genug Wasser und Nahrungsmittel heran zu schaffen, gibt es ebenfalls kaum Schulen. Welche Generation eines Tages Mogadischu wieder aufbauen soll, wenn es doch jemals zur Ruhe kommt, ist ungewiss.



Marc Engelhardt
hat Geographie und Meeresbiologie studiert und beim Norddeutschen Rundfunk volontiert. Seit 2003 arbeitet er als freier Afrika-Korrespondent für epd, taz, Berliner Zeitung und den ARD Hörfunk in Kenias Hauptstadt Nairobi, wo seine beiden Töchter geboren wurden. Im Picus-Verlag ist gerade seine Reportagensammlung „Der Hüter der zerfallenden Bücher“ erschienen.
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